Ich erfand Karl May

Ein Psychogramm
Thomas Thieme (Der Dichter)
Schauspiel-Studierende der ADK  (Seine Stimmen)
Thomas Schadt (Inszenierung und Textfassung)
Katharina Schlipf (Ausstattung)

Karl May – Hochstapelei, Diebstahl, Amtsanmaßung, Unsittlichkeit und vieles mehr wurde ihm zu Lebzeiten vorgeworfen; wegen einiger dieser Delikte verbrachte er viele Jahre in Haft. In der Geschichte der deutschsprachigen Literatur gibt es kaum einen Autor, der sein Leben so kunstfertig mit seinen Erzählungen verschmelzen konnte – und dessen überschäumende Fantasie so gewitzt die eigene Biografie überschrieb.

Karl May, als Sohn einer Weberfamilie in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, mehrfach vorbestraft, ist der wohl erfolgreichste deutsche Schriftsteller. Mit 200 Millionen verkauften Büchern hat er die Fantasie mehrerer Epochen nachhaltig geprägt. Doch es ist beileibe nicht nur die Vorstellungswelt von Kindern und Teenagern, die sich von Mays aberwitzigen Abenteuern inspirieren ließen – Figuren mit so klingenden Namen wie Old Shatterhand, Winnetou, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar geistern auch heute noch durch die Tagträume selbst scheinbar abgeklärter Erwachsener.

Doch wer war dieser Windhund, der die Länder, in denen seine Geschichten spielten, erst spät im Leben bereisen konnte ? Karl May hatte zuvor nicht nur sein Amerika und seinen Orient gefunden - sein eigenes Leben war eine Art Traumgebilde, das er in Literatur transformierte. Er selbst war Old Shatterhand, der mit seiner legendären Büchse „Bärentöter“ seinem Freund Winnetou im Kampf gegen Unrecht und das Böse beistand. Zumindest ließ er später durchblicken, die Abenteuer an der Seite des „Edlen Wilden“ selbst erlebt zu haben.


Thomas Thieme und Thomas Schadt untersuchen die Welt dieses glühenden Fantasten und konfrontieren ihn mit seinen inneren Stimmen, die dieses seltsam pralle Leben zu einer quälenden, aber auch abenteuerlichen Suche nach der eigenen Identität werden ließen.
Thieme, der wohl eindrücklichste deutsche Schauspieler seiner Generation, hat bereits in Schadts Film „Der Mann aus der Pfalz“ einen monomanischen Helmut Kohl gespielt, dessen Willenskraft den Realitäten unbeirrbar voranzustürmen schien. Thomas Schadt, der die Textfassung für diese Befragung aus den autobiografischen Notizen Karl Mays montierte, interessiert sich dabei weniger für die historische Betrachtung dieses wunderbaren Erzählers – sein Augenmerk richtet sich auf den peinigenden Zwist, der May ein Leben lang begleitete. Ein Kampf zwischen Dichtung und Wahrheit. Zwischen Triumph und Schwindel.
Zwischen Pose und Selbstbehauptung. Kein romantischer Spaziergang. Ein Abenteuer.
„Freiheit“, so konstatierte Thomas Thieme einmal lakonisch in einem Interview, „Freiheit, das ist eine zugige Gegend“.