Alles auf Anfang
von Prof. Wolfgang Bergmann

Wir sind am Beginn.

Alles auf Anfang. Es ist eine Operation am offenen Herzen.

Wir glauben fast ein wenig naiv an die Freiheit, obwohl wir wissen, dass sie viele Gefahren birgt und uns nicht aus der Verantwortung entlässt. Ganz im Gegenteil.

Wir sind vom Spiel als der vielleicht einzig möglichen Form der Lebensbewältigung überzeugt. Wir rechnen mit der Expansion des Netzes und der Magie der bewegten Bilder, aber wir glauben an das Theater. Wir verstehen Theater als Kunst. Achtung, Kunst kann auch weh tun.

Wir misstrauen der bis ins Mark inszenierten medialen Wirklichkeit. Deshalb wollen wir die Bühne öffnen, um Wirklichkeit in ihrer historisch-sinnlichen Dimension wieder erfahrbar zu machen. Wir sind Optimisten, selbst wenn es vielleicht gar keinen Grund dafür gibt. Wir glauben nicht, dass das Leben, also das Spielen, bloß ein Mittel zum Zweck ist.

Wir stellen den spielenden Menschen in den Mittelpunkt, weil wir meinen, dass der Humanismus auch nach dem Ende der Aufklärung ohne Alternative ist.

Wir wollen uns schließlich erlauben, zu träumen und wir wollen zum Träumen einladen. Träumen, das heißt wachgerüttelt werden aus der allumfassenden, unentrinnbar erscheinenden Welt des Faktischen, die wir mit rationaler Konsequenz zu Ende gedacht, alle ganz persönlich nicht überleben würden. Der Traum stellt sich der vollkommenen Sinnlosigkeit sinnlich entgegen. „Traum im Herbst“, so hieß eine der Erfolgsinszenierungen meines Kollegen Luk Perceval an den Münchner Kammerspielen. Mit ihm und den anderen Lehrerinnen und Lehrern dieser Akademie werden wir den großen Traum vom Welttheater weiterträumen – mit und ohne Kamera, auf der Bühne, im Netz oder unter freiem Himmel. Dieser großartige Ort hier bietet alle Chancen dazu. Und alle, die diesen großen, langen Traum von einer neuen Akademie für die Darstellenden Künste so kräftig und tatkräftig mitgeträumt haben, sind für die Rückeroberung einer dicken Scheibe Brot verantwortlich, von der die Kunst zehren darf. Sie haben damit ein Stück neues Leben gewonnen. Klingt pathetisch, stimmt aber.

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